Projektskizze: Hanaus städtische Entwicklung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert

Die Amtszeit von Dr. Eugen Gebeschus unter Berücksichtigung seiner Verbindungen zum Hanauer Bürgertum und der sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen der umliegenden Gemeinden zur Industrie- und Garnisonsstadt Hanau

1. Gebeschus und seine Zeit

Die Schleifung der Stadtmauern, die Industrialisierung und die Anbindung an die Eisenbahn führten zu einem stürmischen Wachstum Hanaus im 19. Jahrhundert. Zählte Hanau 1825 noch 10.400 Bewohner,
wuchs die Bevölkerung stetig von 22.700 im Jahr 1875 und 30.000 Bürger um 1900 bis auf 38.000 Einwohner 1910. Die Vervierfachung der Einwohnerzahl war mit großen Umbrüchen im Stadtbild verbunden. Da das wirtschaftliche Wachstum Hanaus immer neue Arbeitskräfte aus dem Umland anzog, brauchten diese nicht nur Wohnungen, sondern Hanau durch die steigende Anzahl neuer Bürger auch ein bis dato nicht vorhandenes Maß an Infrastruktur.

Der Ausbau der Infrastruktur fiel größtenteils in die Amtszeit von Dr. Eugen Gebeschus, der von 1893 bis 1916 als Oberbürgermeister in Hanau wirkte. Mit nahezu 23 Jahren war er länger im Amt als jedes andere gewählte Hanauer Stadtoberhaupt – ohne seinen freiwilligen Rückzug 1916 hätte er Hanaus Geschicke 32 Jahre gelenkt. Vier wegweisende Entwicklungen prägten seine Amtszeit:

Im Osten der Stadt wurden neue Industrieflächen ausgewiesen, auf denen die Großunternehmen Dunlop, Heraeus und Brüning (später Degussa) ihre Produktionsstätten errichteten. Den Hanauer Verantwortlichen gelang es dabei, ausländische Unternehmen wie Dunlop zu bewegen, die erste Betriebsstätte auf dem Kontinent in Hanau zu bauen. Neben dem Ausbau Hanaus zur Industriestadt gelang es Gebeschus durch die Vermittlung der Stationierung zweier Eisenbahnregimenter aus Berlin im Hanauer Norden die Stadt ebenso zum Garnisonsstandort zu machen. Beide Entwicklungen stießen den Bau neuer Wohnungen an, woraus sich die heutigen Freigericht- und Lamboyviertel in Nähe der Industrieunternehmen bzw. Kasernen entwickelten. Steigende Bevölkerungszahlen und größere Distanzen zwischen den Stadtvierteln führten ebenso zur Schaffung eines ÖPNV. So fuhr 1908 die erste Straßenbahn durch Hanau.


Bild: Medienzentrum Hanau

Doch die freien Bauflächen des stürmisch wachsenden Hanaus waren begrenzt. So verhandelte Gebeschus in weiser Voraussicht mit dem Kesselstädter Bürgermeister Wilhelm Geibel über die Eingemeindung der westlich von Hanau liegenden Gemeinde. Die 1907 getroffene Vereinbarung zur Eingliederung war für beide eine Win-Win-Situation: Kesselstadt wurde an die städtische Kanalisation und Energieversorgung angeschlossen und Hanau erhielt große Bauflächen im Westen.

Neben diesen vier grundlegenden Faktoren, zählten folgende Projekte zu den Erfolgen von Gebeschus Amtszeit:

  • hygienische Verbesserungen durch die Erweiterung des Kanalisationsnetzes, den Bau der Kläranlage und einer Badeanstalt am Steinheimer Tor,
  • der Ausbau der Strom-, Gas- und Wasserbelieferung der Haushalte durch den Bau des Elektrizitätswerks, der Wasserwerke I und II und des Gaswerkes,
  • die Einweihung neuer Schulbauten mit der Eberhardschule und der seit 1925 nach ihm benannten Bezirksschule V,
  • der Bau des Landgerichts und des Landratsamtes,
  • die Ausweitung der Kinderbetreuung durch die Kleinkinderschule und Krippe in der Nussallee,
  • der Bau des Verwaltungsgebäudes des Friedhofs,
  • der Ausbau des Schlachthofs mit Kühlhaus sowie
  • der Beginn der Sanierung der Altstadt.

Zudem stieß er die Planungen für Neubauten der Zeichenakademie und der Gewerblichen Berufsschulen an. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verzögerte den Bau des Mainhafens. Sein Nachfolger Dr. Kurt Blaum durfte das von Gebeschus fertig geplante Vorhaben 1924 übergeben.

Dieser infrastrukturelle Ausbau, die Ansiedlung neuer Industrien, die Schaffung des Garnisonsstandortes Hanau und die Gewinnung neuer Bauflächen im Hanauer Westen durch die Eingemeindung Kesselstadts prägten nicht nur Gebeschus‘ Amtszeit, sondern stellten auch Hanaus Entwicklung und Wachstum in den darauffolgenden Jahren sicher.

Wer war dieser Mann, der Hanaus damalige und zukünftige Entwicklung maßgeblich mitgestaltete und prägte? Eugen Gebeschus wurde am 12. Dezember 1855 in Demmin in Pommern geboren. Nach dem Studium der Staats- und Rechtswissenschaften in Tübingen und Greifswald und der anschließenden Promotion arbeitete er nach seinem Assessorexamen seit 1883 als Rechtsanwalt in St. Goarshausen. 1888 bewarb er sich erfolgreich auf die Stelle des Bürgermeisters in Höchst am Main. Seit 1893 wirkte bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden 1916 als Oberbürgermeister in Hanau. Aufgrund seiner Verdienste wurde er im selben Jahr zum Hanauer Ehrenbürger ernannt. Er verstarb 1936 in Hanau. Abseits weiterer bekleideter Positionen wie Vorsitzender des Landesausschusses in Kassel, des Hessen-Nassauisch-Waldeck‘schen Sparkassenverbandes, des evangelischen Waisenhauses und Mitglied der verfassungsgebenden preußischen Landesversammlung 1919 ist über Gebeschus nicht mehr bekannt.

2. Forschungsstand und Forschungsinteresse

Die Hanauer Stadtgeschichte des späten 19. und angehenden 20. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist nicht erforscht. Abgesehen von den Lebenserinnerungen Frith Canthals [Dröse, Ruth: Bürgertum zwischen zwei Revolutionen 1848-1918. Lebenserinnerungen eines jüdischen Unternehmers aus Hanau, Hanau 1992.], der Arbeit von Jens Arndt über die Kasernenbauten im Lamboy [Arndt, Jens: Von Feldbahnen und Kasernenbauten. Die Geschichte der Hanauer Eisenbahn-Regimenter 1907-1919, Hanau 2013.], den Forschungen von Hartfried Krause über die Revolutionsjahre 1918/19 [Krause, Hartfried: Revolution und Konterrevolution 1918/19 am Beispiel Hanau, Kronberg/Ts. 1974.] und knappen biographischen Hinweisen in diversen Beiträgen kann sich der interessierte Stadtbürger über die Zeitspanne nicht informieren. Eine wissenschaftliche Betrachtung des Bürgertums, seiner Entwicklung und seines Einflusses in Hanau sowie die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen in Hanau und zu den umliegenden Gemeinden und dem Altkreis Hanau fehlen bis dato völlig.

Im Falle von Eugen Gebeschus liegt der für den Historiker seltene Fall vor, dass der ehemalige Oberbürgermeister eine über 600-seitige handschriftliche Lebensgeschichte hinterlassen hat, in der er nahezu alle Stationen seines Lebens streift: Elternhaus, Kindheit, Studium, Tätigkeit als Anwalt und (Ober-)Bürgermeister. So berichtet Gebeschus u.a. in seinen Memoiren, warum er in Hanau Oberbürgermeister wurde und wieso er 1916 in den Ruhestand ging. Zugleich gibt er Einblicke in die städtische Verwaltung und in soziale Beziehungen. Die Möglichkeiten durch solche Ego-Zeugnisse einen tieferen Einblick in die Gedankenspiele eines Stadtoberen zu werfen und die Entscheidungsprozesse und -kriterien direkt nachvollziehen zu können, sind meist die Ausnahme.

Im Hause Gebeschus verkehrte die Hanauer Oberschicht, was natürlich auch an seiner Stellung als Oberbürgermeister lag. Zum „Gebeschus-Zirkel“ zählten neben den Unternehmern Fritz Canthal (zudem Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer und Politiker), Wilhelm Heraeus (Gründer der Platinschmelze Heraeus, ehrenamtlicher Vizebürgermeister Hanaus) und weiteren Vertretern der Unternehmerfamilien Brüning, Heraeus und Deines auch die Militärs Admiral Reinhard Scheer, Generalleutnant Hans Walter (Eisenbahnregiment) und Felix Graf von Luckner. Welche Bedeutung diesem Kreis oblag, zeigt die Tatsache, dass vier der neun Hanauer Ehrenbürger Mitglieder dieses Zirkels waren. Gerade dieser soziale Zirkel macht Gebeschus als Kristallisationspunkt des Hanauer Bürgertums zur Jahrhundertwende besonders interessant.

Doch Gebeschus ist als Person in seiner Umwelt nicht allein. Vielmehr muss das politische, gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Umfeld in und um Hanau in den Blick genommen werden: Wer wählte und unterstützte Gebeschus? Wie setzten sich Stadtverordnetenversammlung und Magistrat zusammen? Wie interagierte Gebeschus mit den umliegenden Gemeinden und deren gewählten Vertretern? Welche wirtschaftlichen Wechselwirkungen gab es zwischen Hanau und den umliegenden Gemeinden Kesselstadt, Groß- und Klein-Auheim, Groß- und Klein-Steinheim, Mittelbuchen, Wachenbuchen/Hohe Tanne sowie der Pulverfabrik Wolfgang? In welchem Maße profitierten die späteren Stadtteile vom wirtschaftlichen Wachstum Hanaus? Wie eng waren die wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen zwischen Hanau und dem Umland, besonders dem Altkreis Hanau? Welche Auswirkungen hatte der Streckenausbau der Eisenbahn auf die Mobilität der Bevölkerung im Hanauer Umland? Dies sind ebenso Fragen, die im Rahmen der Forschungen zu beantworten zu suchen wären.

Enge Verbindungen zwischen Hanau und dem Umland bestanden bspw. mit Kesselstadt: Während viele Hanauer Beamte in Kesselstadt wohnten, arbeiteten viele Kesselstädter in den Hanauer Fabriken und gingen in die Hanauer Schulen. Für die übrigen umliegenden Gemeinden lässt sich ähnliches vermuten. Daher soll Gebeschus zum einen als Person, aber auch als hoher Vertreter des Bürgertums seiner Zeit in Bezugnahme zu den sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen jener Zeit im Altkreis Hanau betrachtet werden.

Die Forschungen basieren vornehmlich auf Gebeschus‘ Lebenserinnerungen und Protokollen der Magistrats- und Stadtverordnetenversammlungen der damaligen Zeit. Dazu kommen Einwohnerbücher, Aktenbestände zu den Bauvorhaben, Personensammlungen und -nachlässe, Zeitungen sowie Ego-Dokumente und Schriftstücke des zu betrachtenden Personenkreises. Die Forschungen werden also mangels Vorarbeiten „aus den Quellen“ erarbeitet.

3. Bedeutung und Aufarbeitung des Themas

Gebeschus‘ Rücktritt als Oberbürgermeister jährt sich 1916 zum 100. Mal, ebenso sein Todesjahr zum 80. Mal. Anlässlich des Jubiläums bietet sich ein Blick auf sein Wirken als Kommunalpolitiker im Rahmen der Hanauer Geschichte zur Jahrhundertwende an.

Der Wandel Hanaus von der gewerblich geprägten Kleinstadt des 17. und 18. Jahrhunderts zur industriell dominierten Mittelstadt des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ist maßgeblich Gebeschus‘ Werk. Umso mehr gilt es seinem Wirken im Rahmen der Stadtgeschichte zu gedenken.

Aus den Quellen soll ein gesellschaftliches, wirtschaftliches und soziales Bild Hanaus und seiner Entwicklung sowie der umliegenden Gemeinden während der Wirkenszeit von Eugen Gebeschus in Hanau entstehen. Dabei ist auch das Umfeld von Gebeschus insbesondere die Vermischung und Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und Militär im städtischen Bürgertum zu betrachten. Die Forschungen sollen in einer Monographie mit umfangreichem Bildmaterial aufgearbeitet und publiziert werden.