Studentisches Ausstellungsprojekt »Die Selektion von Entebbe?« eröffnet

Über 100 Besucher bei der Vernissage

Am 21. September 2016 wurde das studentische Ausstellungsprojekt »Die Selektion von Entebbe?« in der Bildungsstätte Anne Frank feierlich eröffnet. Die acht studentischen Kurator*innen Anna Ewald, Juliette Heinikel, Kevin Müller, Friederike Odenwald, Marlon Saadi, Lena Senoner, Julia Wirth und Robert Wolff studieren Geschichte im Haupt- oder Nebenfach an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Rahmen zweier Lehrveranstaltungen im SoSe 2015 und WiSe 2015/16 leiteten die beiden Lehrenden Dr. Torben Giese und Dr. Markus Häfner an, wie ein Ausstellungskonzept entwickelt und praxisnah mit außeruniversitären Partnern umgesetzt wird.

Am 27. Juni 1976 entführte ein Kommando der Volksfront zur Befreiung Palästinas eine Air France-Maschine auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris und leitete es nach Entebbe in Uganda um. Die Entführer*innen, zu denen mit Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann auch zwei Linksterrorist*innen aus Frankfurt gehörten, ließen einige Passagiere frei und hielten die anderen Geiseln fest. Wonach diese Aufteilung erfolgte, ist bis heute umstritten. Die Ausstellung erzählt ausgehend von den Aussagen der Zeitzeug*innen der Selektion von Entebbe die Entstehung und Entwicklung der antisemitischen Deutungsweise der Gefangenenaufteilung. Sie stellt die Opfer und ihre Erinnerungen in den Mittelpunkt, wobei viele Fragen zum Ereignis selbst im Unklaren bleiben. Zum zweiten schildert die Ausstellung die Diskussionen über den antisemitischen Hintergrund der Gefangenenaufteilung, die in Deutschland vor allem unter den in der Bundesrepublik lebenden Juden wie auch in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde und auch in den Gruppierungen des linkspolitischen Spektrums intensiv geführt wurde. Die Intensität letzterer Erinnerungs- und Deutungsdiskurse stand nach dem Abflauen der aktuellen Berichterstattung in starkem Kontrast zum offensichtlichen Desinteresse der Öffentlichkeit und deren Deutung der Ereignisse von Entebbe als Akt auswärtiger Politik. So zeigt die Ausstellung, wie sehr sich die verschiedenen Positionen zu den Ereignissen von Entebbe in der deutschen Öffentlichkeit, bei den politisch linken Gruppierungen und unter den in Deutschland lebenden Juden teils bis heute unterscheiden.

Zu sehen ist die Ausstellung „Die Selektion von Entebbe?“ vom 21. September 2016 bis zum 21. Dezember 2016 in der Bildungsstätte Anne Frank. Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Vorträgen und Workshops ergänzt die Ausstellung.

» Rahmenprogramm [PDF]

Weitere Infos unter: www.selektion-von-entebbe.de und http://www.bs-anne-frank.de/ausstellungen/selektion-von-entebbe/

Social Media: https://www.facebook.com/Studentisches-Ausstellungsprojekt-Die-Selektion-von-Entebbe-1574191009576040/

Pressespiegel


Die Selektion von Entebbe?

Ein studentisches Ausstellungsprojekt

Am 4. Juli 2016 jährt sich zum 40. Mal der Jahrestag der »Operation Thunderbolt«. Hierbei handelt es sich um eine Flugzeugbefreiung, die noch heute im kollektiven Gedächtnis des Staates Israel eine bedeutende Rolle spielt, in Deutschland hingegen nahezu vergessen ist.

Die beiden Frankfurter Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, beide Mitglieder der Revolutionären Zellen, hatten gemeinsam mit Terroristen der Volksfront zur Befreiung Palästinas eine Woche zuvor eine Air France-Maschine entführt und über Bengasi nach Entebbe in Uganda gebracht, um insgesamt 53 Terroristen freizupressen. Nach der Landung in Entebbe teilten die Entführer die Geiseln auf und ließen einen Teil frei.

Die Vorgehensweise der Gefangenaufteilung ist bis heute umstritten. Für manche der Geiseln erfolgte die Aufteilung nach antisemitischen Kriterien (jüdisch/nicht-jüdisch), für andere erfolgte die Aufteilung nach Pässen, für wieder andere erfolgte sie willkürlich. Diese – im öffentlichen Diskurs – schnell Selektion genannte Aufteilung der Gefangenen erhitzte die Gemüter und eine bis heute währende Diskussion um den Ablauf und die Bedeutung dieser Gefangenenaufteilung entstand.War diese eine Tat des Antisemitismus, die an die Selektionen durch die SS an der Bahnhofsrampe des Vernichtungslagers Auschwitz erinnerte? Oder war diese Aufteilung allein dem taktischen Kalkül im antiimperialistischen Kampf gegen den Staat Israel geschuldet?

Dauer, Ort, Träger, Veranstalter, Förderer und Kooperationspartner der Ausstellung

Die Ausstellung wird vom 21. September bis 21. Dezember 2016 im Sonderausstellungsraum der Bildungsstätte Anne Frank (Frankfurt am Main) zu sehen sein. Die Studierenden zeichnen sich für die Konzeption, Planung und Umsetzung der Ausstellung verantwortlich, während Planung und Durchführung des Veranstaltungsprogramms der Bildungsstätte Anne Frank obliegt. Das Projekt wird von der Partnerschaft für Demokratie (Frankfurt am Main) und den Freunden und Förderern der Goethe-Universität gefördert.

Alle Infos zur Ausstellung finden Sie unter www.selektion-von-entebbe.de.

Entstehung des Projekts

Das Projekt entstand aus der von Dr. Markus Häfner im Wintersemester 2014/15 durchgeführten Übung »Frankfurt, die RAF und der linke Terrorismus in der BRD«, in der die Studierenden den einseitigen Um­gang mit dem Linksterrorismus in der BRD aus wissenschaftlicher Sicht bemängelten. Diesem Wunsch eines Neuzuschnitts der Erinnerungskultur folgend, boten Dr. Markus Häfner und Dr. Torben Giese im Sommersemester 2015 eine Blockübung an, in der mit den Studierenden diese Ausstellungskonzeption zum Umgang mit Opfern linksterroristischer Gewalt entwickelt wurde.

Vermittlungsziele der Ausstellung

Die Ausstellung möchte

  • an die Opfer der Flugzeugentführung erinnern,
  • die Entstehung und die Entwicklung dieses Selektionsnarrativs in der Erinnerungskultur an die Ereignisse von Entebbe von 1976 bis heute in der Bundesrepublik in den Blick nehmen,
  • ausgehend vom historischen Ereignis der Selektion, die Entstehung von neuen Formen des Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland und die Diskussionen über diese Neuentwicklung beleuchten und
  • einen Dialog über den Antisemitismus in unserer Gesellschaft anregen.. 

Inhaltlicher Ansatz

Die Ausstellung erzählt ausgehend von den Aussagen der Zeitzeug*innen der Selektion von Entebbe die Entstehung und Entwicklung der antisemitischen Deutungsweise der Gefangenenaufteilung durch die deutschen Terroristen Brigitte Kuhlmann und Winfried Böse. Sie stellt die Opfer und ihre Erinnerungen in den Mittelpunkt, wobei viele Fragen zum Ereignis selbst im Unklaren bleiben. Letztlich geben nur die sich zum Teil stark unterscheidenden Aussagen der Geiseln selbst ein authentisches Bild der Aufteilung, doch wurden diese Widersprüche ohnehin von den einen wie den anderen für die eigene Perspektive instrumentalisiert.

Die Ausstellung schildert die Diskussionen über den antisemitischen Hintergrund der Gefangenenaufteilung, die in Deutschland vor allem unter den in der Bundesrepublik lebenden Juden wie auch in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde und auch in den unzähligen Gruppierungen des linkspolitischen Spektrums intensiv geführt wurde. Die Intensität dieser Erinnerungs- und Deutungsdiskurse stand nach dem Abflauen der aktuellen Berichterstattung in starken Kontrast zum offensichtlichen Desinteresse der deutschen Öffentlichkeit und deren Deutung der Ereignisse von Entebbe als Akt auswärtiger Politik. Die Ausstellung zeigt auf, wie sehr sich die verschiedenen Positionen zu den Ereignissen von Entebbe in der deutschen Öffentlichkeit, bei den unzähligen, politisch linken Gruppierun-gen und unter den in Deutschland lebenden Juden teils bis heute unterscheiden. Dabei geht es, wie die Ausstellung illustriert, auch immer um den jeweils gegenwärtigen Antisemitismus in der Gesellschaft. In der Deutung der Ereignisse wird immer auch die Frage nach Stärke und Struktur des Antisemitismus in Deutschland virulent.

Als Ergebnis des Diskurses setzte sich das Selektionsnarrativ durch, das durch die Bezeichnung der Gefangenenaufteilung als Selektion deutlich macht, dass jene ein antisemitischer Akt gewesen war. Die Ausstellung geht der These nach, dass dieses antisemitische Selektionsnarrativ in Israel entstand und auf zweierlei Art und Weise Rezeption in der Bundesrepublik fand. Einmal durch die in Deutschland lebenden Juden, für die die Ereignisse von Entebbe von besonderer, symbolischer Bedeutung waren, und wiederum durch die drei Spielfilme, die kurz nach den Ereignisse über die Entführung von Entebbe entstanden. Von israelischer wie auch US-amerikanischer Seite wurde in mehreren Spielfilmen – Victory at Entebbe (1976), Raid on Entebbe (1977) und Operation Thunderbolt (1977) – das Selektionsnarrativ in eindrückliche Bilder gefasst.

Mit der Perpetuierung des Selektionsnarrativs war auch immer der Vorwurf des Antisemitismus gegenüber politisch linken Gruppierungen verbunden und mit diesem setzten sich jene auch intensiv auseinander, wie die Ausstellung ebenfalls herausarbeitet. Für viele linke Intellektuelle und eine ganze Reihe von in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Juden waren diese Diskurse über die vermeintliche Selektion von Entebbe von größter Bedeutung für ihr eigenes politisches wie gesellschaftliches Selbstverständnis, wie die Ausstellung in zahlreichen Interviews unterstreicht. Für die wohl berühmtesten Frankfurter Linken Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit war die Selektion von derart großer Bedeutung, dass sie sich durch die Auseinandersetzung mit der Selektion nach eigenem Bekunden aus der radikalen, gewaltbereiten Linken endgültig verabschiedeten. Aber auch für bedeutende Persönlichkeiten des jüdischen Lebens in Frankfurt wie Micha Brumlik warfen die Ereignisse in Entebbe ein neues Licht auf den Antisemitismus in der Bundesrepublik und tun dies auch heute noch im vereinten Deutschland.

Die Ausstellung macht diese intensiven und langjährigen Diskussionen um die Ereignisse von Entebbe ausgehend von den Erinnerungen der Geiseln räumlich erfahrbar. Der Ausstellungsraum wird selbst zum Teil des Diskurses, in dem die verschiedenen Positionen ins Gespräch miteinander gebracht werden. Eine räumliche Diskussion entsteht, die die Besucher*innen einlädt, sich an dieser zu beteiligen und seine eigenen Überzeugungen zur Selektion und dem Antisemitismus in der Bundesrepublik und der Gegenwart einzubringen.